Das Elefantengedächtnis


Immer wieder ruft eine Eigenschaft meiner Persönlichkeit bei meinen Mitmenschen Verblüffung, Erstaunen, vielfach sogar Wertschätzung hervor: meine Fähigkeit, Begebenheiten, Gespräche bis ins Detail und sämtliche Daten zu erinnern, mit denen man täglich und en masse überflutet wird (Namen, Telefonnummern, Termine u.ä.). So zu erinnern, daß ich sie mir beliebig oft und ohne viel nachdenken zu müssen ins Bewußtsein rufen kann.
Das hat viele Vorteile: Ich benötige weder Kalender noch Organiser, kann mich nachhaltig mit Erinnerungen an erlebte schöne Ereignisse kräftigen, sowie meinen Mitmenschen sehr nahe kommen, weil ich mir Einzel- und Besonderheiten aus ihrem Leben so gut merken und dann im direkten Gespräch aufgreifen kann, daß mein Gegenüber die Erkenntnis gewinnt, er/sie ist mir bedeutend.

Es hat aber auch Nachteile parat, den einen insbesondere: Wenn man sich Gespräche sehr gut einprägen und (mitunter sehr viel) später wortgetreu wiedergeben kann, so erweckt das im Gegenüber nicht ausschließlich Wohlbehagen. Sieht er sich doch mit seinen eigenen Aussagen und Ansichten konfrontiert, die er heute womöglich gar nicht mehr in dieser Weise formulieren oder nicht länger vertreten würde. Seine eigenen Ansichten zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern halte ich nicht für Charakterschwäche, sondern für ihr Gegenteil. Allerdings halte ich ebenso dafür, daß man seine Worte, vor allem in wichtigen Angelegenheiten, sehr gut und mit Bewußtheit wähle. Allzu leicht spricht sich etwas dahin; sobald es überdies gepaart mit einer gewissen affektbedingten Emphase auftritt, wird es zu schnell als Überzeugung oder lebensbeeinflussende Einstellung des Redners mißverstanden werden. Das kann gravierende und für Letzteren unangenehme Folgen mit sich führen. Wo dieser eigentlich nur einen ihn gerade querenden Gedanken mitteilen möchte, gewinnt er im Auge seines Empfängers den Status eines Tribunals, eines Hochmütigen oder eines Dummkopfs.

Ich bewerte mein Gegenüber nicht aufgrund seiner Aussagen. Solche Einschätzungen sind meiner Erfahrung nach selten wirklichkeitsgerecht und können daher zu großen Irrtümern mit gewichtigen Konsequenzen führen. Ferner ist kein Mensch in der Lage, stets und immer nur das „Rechte“ auszudrücken. Wir sind alle, mehr oder weniger, Abhängige unserer Empfindungen. Folglich kann niemand jederzeit das richtige Wort treffen. Zudem bedarf es stets auch der Empfindungswelt des Empfängers gewahr zu bleiben. Dasselbe Wort in zwei Menschen: zwei verschiedene Bedeutungen!
Wenn ich Gespräche wortgetreu wiedergebe, dann nicht etwa um zu bewerten und für diese „Verurteilung“ den Beweis liefern zu können (wie etwa: ‚Du hast aber damals gesagt...!’). Es geht mir darum, die Grundlage dafür zu schaffen, daß zwei miteinander Sprechende wieder dort ansetzen können, wo die Kommunikation seinerzeit ihr Ende fand. Nur so können sie Mißverständnisse entdecken, aufklären und deren Wiederauftreten vermeiden.
Die Grundlage für die Bereinigung eines Mißverständnisses ist nun einmal das damals Ausgesprochene: Wenn ich also das Gespräch wiederbeleben möchte, MUSS es mir darum gehen, so wortgetreu wie möglich zu sein. Das ist eine Frage des Respekts und reflektiert den Grad an Aufrichtigkeit, mit der mir daran gelegen ist, das Mißverständnis wirklich bereinigen zu wollen.

Wie kommt es nun zu dieser beeindruckend reichen Erinnerungskraft? Sicherlich ist ein wesentlicher Punkt der, daß ich seit Kindesalter mit der Herausforderung des Auswendiglernens von Musikwerken konfrontiert war. Ich habe mein Gedächtnis darauf trainiert, immer wieder und an Umfang stetig wachsende Kompositionen zu speichern und abrufbereit zu halten. Eine gewisse Sprachaffinität spielt eine unterstützende Rolle. Die entscheidende Zutat ist jedoch etwas anderes: Meine Absicht, das Gespräch bewusst und aufmerksam zu erleben. Ein waches Zuhören schafft den Unterschied zwischen meiner Erinnerungsfülle und der einer/s anderen, welche/r sich vielleicht über meine große Detailtreue bei der Wiedergabe eines Gesprächs nur verwundern kann.

Waches Zuhören ist, daß ich das, was mein Gegenüber ausspricht, simultan bewußt erlebe und aufnehme. Und nicht etwa, während er/sie spricht im Geiste bereits dabei bin, meine Replik zu formulieren. Ganz natürlich werden Assoziationen hin und her springen, blitzartig eintreffen, noch während der/die andere spricht. Doch, sowohl aus Respekt ihm/ihr gegenüber, als auch aus Interesse an erfolgreicher verbaler Kommunikation muß ich mich bemühen, derlei Einfälle „im Zaum zu halten“, das heißt im Hinterkopf, und nicht soweit in den Vordergrund treten zu lassen, daß sie mich vom Anhören dessen, was mir gerade mitgeteilt wird, ablenken können.

Wenn ich diese Art des Zuhörens wähle, und nur dann, werde ich anschließend in der Lage sein, das Gespräch (nahezu) Wort für Wort wiederzugeben. Die Art der Aufnahme des empfangenen Reizes, also im Falle eines Gesprächs das Zuhören, entscheidet darüber, was und wieviel ich später erinnern werde.

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© Heloïse Ph. Palmer